90-76-98: Christopher Radtke

90-76-98

Christopher Radtke macht Fotos, studiert Kommunikationsdesign und redet gerne über Mode.

Was hast du dir unter Kommunikationsdesign vorgestellt?
Klang halt gut. Ich habe mir überhaupt nichts drunter vorgestellt. Ich war jung und naiv und hatte sonst keine Ahnung, was ich machen sollte. Ich glaube das war einfach eine Beschäftigung. Mappe machen. Mappe machen. Mappe machen. Und plötzlich war ich drin.

Du wurdest beim ersten Mal direkt angenommen?
Nein Quatsch, nicht beim ersten Mal. Obwohl an der HTW schon. Klar. Aber ich habe mich natürlich auch woanders beworben.

Glaubst du, es ist an der HTW einfacher angenommen zu werden, als an „richtigen“ Kunsthochschulen?
Ja. Ehrlich gesagt ja. Ich meine, wie viele Leute wurden hier genommen?
40? Über 40? Während an der UdK oder KHB nur unter 20 genommen werden. Natürlich ist es einfacher.
Das ist schon peinlich einfach.
Jeder, der studiert hat eigentlich nicht wirklich eine Ahnung davon, wo er hin will.
Man studiert um Zeit zu schinden.
Ich zum Beispiel habe auch noch nicht richtig einen Plan davon, wo ich mal hin will.

Kann man nur durchs Studium Erfolg haben?
Nö. Muss man nicht. Ich meine, die erfolgreichsten Menschen haben nie studiert. Es gibt ja auch nicht wahnsinnig viel, was einem in der Uni beigebracht wird.
Man kommt hin, kriegt eine Aufgabe gestellt und muss dann sehen, wie man klar kommt.
Dir wird nicht wirklich gezeigt, wie du das am besten machen sollst.
Theoretisch könnte man das alles auch zu Hause machen, da brauchst du nicht in die Uni gehen. Ich glaube, das ist auch das Beste was du machen kannst : NICHT STUDIEREN! Allerdings solltest du dann schon einen konkreten Plan haben. Einfach irgendetwas mal durchziehen.


Du beschäftigst dich auch mehr mit privaten Projekten als mit deinem Unikram?
Ja schon. Zur Zeit schon. Allerdings haben wir das Semesterprojekt und das ist wirklich praxisnah.
Ich bin seit der Präsentation unserer Designkonzepte für den DPWK (Deutscher Preis für Wirtschaftskommunikation) ein bisschen demotiviert, weil einerseits hieß es wir wollen einen ganz neuen Weg gehen, alles sollte viel frischer und studentischer werden.
Letztendlich ist es wieder schlicht und lahm.
Ich glaube, die Leute wollen immer auf Nummer Sicher gehen und daran muss man sich gewöhnen.
Also daran, dass die Leute nichts Überragendes sehen wollen.

Sondern nur das, was sie schon kennen, nur leicht anders verpackt?
Ja. Das Mittelmaß. Schrecklich.
Viele großartige Sachen hätte nie das Licht der Welt erblickt, wenn der Zufall nicht mitgespielt hätte.

Zum Beispiel?
Ja. Die Apple Kampagne von 1984. Dieser recht bekannte Big Brother Werbespot. Den hat Apple ja erst abgelehnt, er war ihnen wahrscheinlich einfach zu gewagt.
Dann hat man keine Alternative gefunden und musste dann doch auf den Spot zurückgreifen.
Und der wurde dann ein Riesenerfolg. Das ist immer so.

Würdest du das auch auf die Modewelt beziehen?
Vor allem in der Mode. Sobald du etwas wagst und irgendwie anders bist, erscheinst du fremd und die Leute haben Angst vor dir. Zieh dir deine Unterhose auf den Kopf und geh damit auf die Straße. Die Leute denken dann du bist bescheuert. Vielleicht bist du auch bescheuert.
Doch vielleicht könnte das dann auch der nächste Trend sein!
Grundsätzlich ist alles möglich. Vor allem in der Mode. Ich meine Sachen, die vor einem Jahr noch als absolutes No-Go angesehen wurden sind heute allgegenwärtig.

Was denn zum Beispiel?
Naja schau dir die Röhrenjeans an. Es gab mal eine Zeit, da wurdest du schief angeschaut, wenn du dich als Typ oder sogar als Frau in eine hautenge Jeans gepresst hast. Heute kräht ja kein Hahn mehr danach.
Das hat sich ja in den letzten Jahren so was von etabliert, das kratzt ja kein Schwein mehr, wenn du so hautenge Hosen trägst.

Ist das mit allem so?
Also grundsätzlich haben die Leute erst einmal Angst vor Neuem. Das manifestiert sich nicht im Zähneklappern sondern eher im Misstrauen. So hassen manche Menschen zum Beispiel Ausländer weil sie Angst vor ihnen haben bzw. vor dem Angst haben, was sie repräsentieren. Jede Veränderung zweifelt den Status Quo an.

So muss man die Leute auf jeden Fall langsam an Neues heranführen?
Ja.
Du kannst Neues nicht einfach so von heute auf morgen auf den Markt werfen und präsentieren.
Du musst die Leute langsam daran gewöhnen, sonst verängstigst du sie.

Fallen dir Ausnahmen ein, die sich Schlag auf Schlag durchgesetzt haben?
Schlag auf Schlag, du meinst einen krassen Bruch?

Ja!
Nein, irgendwie nicht. Das ist nicht möglich.

Glaubst du, ein guter Designer ist ein talentierter Designer?
Also gestalterisches Talent ist zweitrangig. Als Designer muss man talentierter Verkäufer sein. So war das auch schon bei der Bewerbung an der Uni. Wenn du dich und deine Arbeit nicht verkaufen kannst hast du verloren.
Wenn du dich bewirbst, musst du dich verkaufen. Wenn du arbeitest, musst du dein Produkt verkaufen. Man muss einen gemeinsamen Nenner finden, einen schmalen Grat zwischen Innovation und Sicherheit.

Also geht es einzig und allein ums Vermarkten?
Vor allem bei der Mode kommt es auf die Präsentation an. Es ist nicht nur das Kleidungsstück, was du verkaufen willst, sondern eine Illusion. Deswegen verkauft sich auch eine Zarakopie, weil Zara eine Kampagne mit einem Topmodel startet. Dieses Topmodel wertet die dreiste Kopie auf und versieht es mit einem Zauber. Wenn Toni Garrn die Balmain Kopie trägt, dann ist die Nachmache mindestens genauso gut wie das Original. Ich habe einfach das Gefühl, Modedesign wird ausschließlich konsumiert.

Oder nehmen wir ein anderes ganz klassisches Beispiel…
…die Louis Vuitton Tasche.

Genau!
Du siehst in der Stadt eine Frau mit einer Louis Vuitton Tasche und du kannst dir sicher sein, sie ist gefälscht.
Auch wenn sie echt sein sollte, es glaubt dir eh kein Schwein, dass sie echt ist. Es lohnt sich gar nicht, ein Original zu kaufen, die Leute schämen sich noch nicht einmal. Die Kopien sind allgemein akzeptiert.
Es ist eine ganz komische Sache.

Also spielt Qualität keine große Rolle mehr?
Ich glaube nicht, dass Qualität noch eine große Rolle spielt. In der Theorie schon als verkaufsförderndes Argument, doch bei durchschnittlich vier Kollektionen im Jahr interessiert es niemanden mehr, ob der Pulli nun die nächsten 30 Jahre hält. Man trägt ihn eh, wenn überhaupt, nur ein halbes Jahr.

Dann lässt ja diese Schnelllebigkeit keine kritischen Auseinandersetzungen mit der Mode zu oder?
Es geht nicht darum, sich mit der Mode auseinanderzusetzen. Kaum einer möchte sich kritisch damit beschäftigen.

Nicht einmal die Modeblogs?
Von denen könnte man eigentlich mehr Objektivität und Kritik erwarten, denn die sind ja nicht auf Werbeanzeigen angewiesen. Aber schau dir doch einmal die Modeblogs an. Das sind keine Modeblogs, sondern Mädchenblogs.

Wie Les Mads zum Beispiel…
…der größte Mädchenblog Deutschlands. Die gehören ja auch zu Burda und da kritisiert auch niemand irgendetwas. Da redet man von Lieblingsmodels, Shoperöffnngen, den Abenteuern auf der australischen Fashionweek und super Tagesoutfits. Wie soll man denn so dieses ganze Modeding ernst nehmen?
Wenn ich irgendjemandem sage, ich interessiere mich für Mode werde ich sofort in diese Fashionvictimschublade gestopft.

Du hast ja gerade von Les Mads gesprochen, wie siehts denn mit den Streetstyleblogs aus?
Wir leben in einer Gesellschaft mit einem Regelkatalog und nach dem musst du leben, sonst wirst du ausgestoßen, die Individualität gibt es nicht.
In den Streetstyleblogs wird doch auch nur eine Pseudoindividualität gepredigt.

Wieso?
Weil da auch wieder jemand bestimmt, was gerade klar geht und was nicht.
Deswegen lassen sich auch so viele gerne für Streetstyleblogs fotografieren, weil sie dazugehören wollen und auf Nummer sicher gehen möchten. Einerseits auffallen, andererseits auch wieder nicht. Niemand gibt es zu, aber man macht sich immer schick für irgendjemanden, natürlich nicht für jeden, aber es gibt immer eine bestimmte Gruppe, der man gefallen möchte.
Selbst die abgefucktesten Asselpunker könnten es sich nicht leisten, mit einem Anzug bei ihren Freunden aufzukreuzen.
Die haben auch ihren Dresscode, gegen den sie nicht verstoßen dürfen.

Chris, zu welcher Gruppe willst du gehören?
Gute Frage. Wie viele andere auch, muss ich zugeben, bin ich in diesem Hamsterrad der Individualität unterwegs. Einerseits möchte ich dazugehören, andererseits möchte ich mich abgrenzen und als Individuum wahrgenommen werden
Jeder will auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen werden…
…ob als Punker, Geschäftsmann oder als Designer.
Über die Klamotten definierst du deinen Platz in der Gesellschaft.
Du zeigst zu welcher Gruppe du gehören willst.
Und das ist visuelle Kommunikation in reinster Form.

Link: http://www.chrisgetafuckinlife.blogspot.com

Eine Antwort zu „90-76-98: Christopher Radtke“

  1. yoshiya sagt:

    Schöne Fotos und die schlichte Wahrheit.

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