Tamotsu Kondo

Tamutso Kondo mit der von ihm entwickelten Schneiderpuppe "Spur".

Wo und wann sind sie geboren?
1965 in Japan

Wo und wann haben sie studiert?
Ich habe in Tokio studiert in dem Fashion College Bunka, ich war dort vier Jahre.
Ich habe mit 18 angefangen und mit 22 aufgehört.
Modedesign ist in Japan ein sehr beliebtes Studienfach, viele Männer studieren das sogar.
Ich habe damals mit 20 000 Studenten studiert und davon waren 1/3 Jungs.
Drapieren war in der Schule eine Pflicht und es hat mir auf Anhieb Spaß gemacht.
Jedes Jahr gab es in der Uni einen Drapier Wettbewerb, den ich mit 21 Jahren gewann.

Wie sind sie zu Mode gekommen?
Es war ein zufälliges Glück im Unglück. In Japan gibt es ein anderes Schulsystem, da muss
Man mit 17 Jahren entscheiden wo man studieren möchte und eine Aufnahmeprüfung absolvieren. Wenn man diese Prüfung nicht mitmacht, hat man kein Studienplatz, egal welche Studienrichtung. Ich wollte an verschiedenen Prüfungen teilnehmen, da passierte mir ein paar Tage davor ein schwerer Verkehrsunfall und daraufhin lag ich 6 Monate im Krankenhaus.
Das war echt eine schwere Zeit und einen Studienplatz hatte ich auch nicht.
Aber ein Freund von mir erzählte mir von dieser Modeschule. Man konnte eine Zeitlang dort studieren ohne Aufnahmeprüfung um zu schauen ob dieser Studiengang einem liegt.
Und ich dachte, hmm, wieso nicht? Als es mir besser ging, fing ich dort sofort an und lernte die Schnittkontruktion, die Nähtechniken, die Maschinen haben mich total fasziniert!
Danach habe ich dann ganz normal diese Prüfung gemacht und konnte richtig anfangen zu
Studieren, da kam ich auch zum Drapieren und habe die menschliche Proportionslehre gelernt.
tamotsukondo.com

Wie kamen sie nach Deutschland?
Nach meinem Studium ging ich direkt nach Hamburg um bei dem japanischen Designer Yuca zu arbeiten. Dieses Label war in den 80ern sehr bekannt, gibt es aber heute nicht mehr.
Ich habe dort sechs Jahre lang gearbeitet als Modellmacher. Als das Label aufgelöst wurde, habe ich direkt eine Stelle als Gastprofessor für den Drapierkurs in der Modefachschule Hamburg bekommen. Also habe ich mit 28 Jahren angefangen Drapierkurse zu geben.

Wer ist ihr Lieblingsdesigner?
Ich finde Madeleine Vionnet sehr gut. (pause)

Und warum?
Na weil sie schon lange tot ist! (lacht) Bei den Toten gibt es keine Enttäuschungen mehr.
Schlechte Designer? Gibt es überall! Aber ich finde es sehr toll, wenn jemand was neues
Ausprobiert. Ich mag Designer nicht, die sich wiederholen, die Schnitte immer wieder übernehmen oder gar kopieren. Modedesign muss sich stets entwickeln, man sollte als
Designer immer mutig sein, was riskiren können und einfach Mut zeigen.
Ein Student sollte immer versuchen was neues zu schaffen, das ist sehr wertvoll. Wenn jemand sehr sauber näht und entwirft und es sieht aus wie von H&M, ich mein was soll das?
(lacht)

Was ist der Unterschied zwischen den japanischen und den deutschen Modeschulen?
Es gibt große Unterschiede. (In Japan gibt es nur private Modeschulen.
Sie sind aber nicht ganz so teuer wie die meisten deutschen Privatschulen; D. 600-700€, Japan vielleicht 500€ – aber die Lebenshaltungskosten in Japan sind viel, viel höher.)
In Japan geht es viel disziplinierter zu. Der Unterricht ist immer von 9-17h von Montag bis Freitag, außerdem unglaublich viele Hausaufgaben. Man hat wenig Freizeit für sich selbst und dadurch verliert man auch irgendwie seine Selbstständigkeit. Ich finde, die japanischen Studenten kommen nicht „von Null auf eine Idee“, die Japaner brauchen immer eine Aufgabe, eine vorgegebene Themenstellung. Es ist wie mit dem Auto: die Europäer haben es entwickelt und die Japaner verbessern nur noch.
Deutsche Studenten empfinde ich als selbstständiger, selbstbewusster und zielsicherer.
In Japan entscheiden Papa und Mama, was das Kind macht – deutsche Studenten sagen „ich will unbedingt Modedesign studieren“.
In Japan gibt es auch Aufnahmeprüfungen, aber sie sind nicht so anspruchsvoll.
Japanische Modeschulen bieten ähnliche Fächer an, aber es wird zum Beispiel mehrmals die Woche drapiert.

Sind jetzt private oder staatliche Schulen besser?
Jede Modeschule hat ihren eigenen Charakter. Man kann nicht sagen, dass auf jeden Fall private Schulen besser sind als die staatlichen. Die Vorteile von einer Privatschule ist, dass
häufig Modefachleute in allen Bereichen unterrichten. Jemand, der nur in der Uni unterrichtet hat, hat nicht viel Ahnung von der Modewelt. Deshalb müssen ständig neue Leute von Außen kommen. Wenn zum Beispiel eine Modenschau geplant wird, arbeiten alle Studiengänge zusammen – Journalisten, Marketing..
Durch das ganze Geld ist alles viel besser organisiert. Außerdem können Privatschulen schneller reagieren und verändern als staatliche Schulen. Das deutsche Schulsystem ist garnicht schlecht, man muss sich nur informieren, welche Universität bzw. welche Art von Schule gut für einen ist.
Die HTW ist sehr technisch orientiert, die Auswahl an Maschinen gibt es nirgendswo anders in Berlin. Und an anderen Schulen läuft das so, dass man den Entwurf erst gar nicht nähen muss und man sich nur auf den Inspirationsprozess und auf das Zeichnerische konzentriert. Also hat jede Schule ihre Vorteile und Nachteile.

Wie gehen sie vor wenn sie arbeiten. Zeichnen sie zuerst? Drapieren sie gleich drauf los?
Ich träume zuerst. Ich zeichne im Kopf und dann fange ich an zu drapieren und versuche den Stoff sehr natürlich zu belassen, eine Hülle für den Körper zu schaffen. Ich entwerfe mehr für Frauen als für Männer, bei der Frauenmode kann man sehr viel spielen. Aber die Männermode ist heutzutage viel interessanter und gewagter als früher, ich meine, wer zieht heute noch freiwillig einen Anzug an? Nur Banker und Politiker oder so.

Wie finden Sie Berlin?
Ich finde berlin total klasse, wirklich sehr, sehr schön. Ich bin sehr froh, jetzt von Hamburg nach Berlin zu ziehen. Ich mochte Hamburg sehr gern, aber Berlin ist von der Kultur und Atmosphäre her viel interessanter. Berlin hat Charakter und das braucht eine Stadt. Sehr kosmopolitisch und frei von der Denkweise, wenig Regeln, kein Dresscode, die Bekleidungsstile der Jugend ist sehr interessant und orientierungslos von den Farben her und schmutzig, aber individuell, und das macht der Charakter aus.

Ist Berlin eine Modestadt?
Berlin ist definitiv und konkurrenzlos DIE Modestadt in Deutschland, aber in der Welt recht unbekannt. Weltweit gibt es mehr als hundert Fashion Weeks. So viele brauchen wir eigentlich garnicht! Und alle wollen auf den fünften Platz nach Paris, London, Mailand und New York. Aber vier reichen eigentlich. Berlin hat jedenfalls keine große Chance, da es viel zu nah an an den Modemetropolen liegt – wieso sollten die Verkäufer nach Berlin, wenn sie alles schon in Paris gesehen haben? Dafür muss die Mode in Berlin schon sehr speziell und außergewöhnlich sein. Aber schaut, was es hier gibt: Adidas, Diesel.. Adidas?! Das ist keine Mode! Diesel – Jeans!? Boss! Kann man überall sehen! Wieso sollte man dafür extra nach Berlin kommen?
Berlin hat nur eine Chance, wenn mehr Berliner Labels mitmachen, und die müssen besser unterstützt werden.

Haben Sie Wünsche? Träume?
Ich habe gerade ein Privatinstitut gegründet. In meiner Wohnung. Da verkaufe ich meine Puppen – sie heißen „Spur“. In Japan hat das Wort die gleiche Bedeutung wie in Deutschland. Sie ist ganz neu im Bezug auf Form und Farbe. Vielleicht schreibt das ja Geschichte in der Modeszene. Außerdem schreibe ich ein Buch über das Drapieren und über Modeanatomie – mit vielen Bildern und weniger Text. Ich würde gerne weltweit mehr unterrichten, aber leider habe ich ja nicht so viel Zeit. Deswegen will ich die Bücher und Puppen dazu benutzen.
Buch wird 2010 oder 2011 in einem Münchener Verlag veröffentlicht.

Was ist das besondere an diesen Puppen?
Sie werden in Größe 36 und 38 produziert. Im Dezember läuft die Bestellung an. 410€ Sammelbestellung ab 25 Stück, sonst 490€.
Die Puppe soll wie die Leinwand für den Maler sein, das führt zu mehr Spaß und Ergebnis. Sie ist mehr an Modedesign orientiert, nicht so sehr an Schnitt. Das heißt, nicht die Maße an sich sind das A und O, sondern dass die Proportionen im richtigen Verhältnis stehen.
Die Puppe der HTW sieht wie eine Oma aus, bei meiner neuen Puppe ist die Brust so geformt, als trage die Puppe schon einen BH; sie hat höhere Schultern, mehr Po und weniger Buckel auf dem Rücken.
Wir haben zwanzig verschiedene Stoffe gefärbt um letztendlich auf die Farbe zu kommen (siehe Bild). Schwarz finde ich sehr schlecht für eine Schneiderpuppe, es muss eine neutrale Farbe sein, nicht unbedingt hautfarben, aber in die Richtung.

Text:P.P.

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