Interview: Prof. Petra Skupin

„Jeder Studierende sollte im Studium herausfinden, wo seine Stärken liegen.“

Hallo Frau Professor Skupin, mögen Sie es denn überhaupt, mit Frau Professor angesprochen zu werden?
Skupin: Ja ich mag es schon, aber es ist nicht zwangsläufig notwendig, dass der Titel genannt wird. Ich denke, ein Titel steht für Fähigkeiten und auch für Autorität und diese Kriterien sollten besser auf einem anderen Weg deutlich werden, z.B. über Leistungen.

Welche Fächer lehren Sie?
Skupin: Meine Hauptfächer sind Kollektionsgestaltung und Modellentwurf. Ich habe auch schon Gestaltungs-lehre, Darstellungstechniken und Aktzeichnen unterrichtet. Die Betreuung von Diplom- und Bachelorarbeiten sowie das Bachelorseminar gehören auch zu meinen Aufgaben.

Durch welche Umstände sind sie zur Mode gekommen?
Skupin: Der Urgroßvater war Schneidermeister, die Urgroßmutter hat auch mitgenäht. Die Tradition wurde in der Familie weitergegeben. Ich habe schon als Kind bei meiner Großmutter an der Nähmaschine gesessen und es geliebt, alte Kleider anzuprobieren… so wurde ich frühzeitig beeinflußt. Nach dem Abitur habe ich nach Studienmöglichkeiten gesucht. Studieninformationen gab es wenig. Ich bin dann von der Kleinstadt nach Berlin gefahren und habe mich umgeschaut. Eine der wenigen Möglichkeiten, Modedesign zu studie-ren, fand ich an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Ich habe mich dann beworben und wurde auch angenommen.

Und was folgte nach dem Studium? Wann kamen sie an die heutige HTW?
Skupin: Nach dem Studium habe ich fast zehn Jahre beim VEB Exquisit Berlin als Modedesignerin gearbei-tet, zu DDR-Zeiten ein renommiertes Unternehmen. Positiv war, dass hochwertige Kollektionen für den Markt gemacht wurden, Stoffe international eingekauft werden konnten, z.B. in Frankreich, Italien, England und Japan. Die Kollektionen wurden in eigenen Läden DDR-weit verkauft. Das Angebot war breitgefächert, reichte von DOB- und Haka-Kollektionen über Sportswear, Strick bis zu Accessoires. Für die Leipziger Messe wurden extra Messekollektionen entwickelt.

Und durften Sie dann auch in die entsprechenden Länder reisen, aus denen die Stoffe bezogen wurden?
Nein, das war nicht möglich. Es gab eine Firmen-Bibliothek mit einem kleinen Bereich an internationalen Modezeitschriften, (das war zu dieser Zeit nicht selbstverständlich) und auch eine Abteilung Trendinfor-mation war vorhanden, die Informationen zugearbeitet hat. Reisen in die sogenannten Ostblockländer waren möglich, das brachte Anregungen. Zunehmend dienten Film und Fernsehen als Informationsquelle, aber auch das Lebensgefühl in Berlin selbst. Berlin hatte schon in den 80er Jahren eine besondere Atmosphäre. Aber auch Designtraditionen, wie das Bauhaus, wurden studiert. Alle Informationen, die man bekommen konnte, wurden intensiv aufgenommen.
Mit der Wende wurde der VEB Exquisit aufgelöst. Eine Neuorientierung war notwendig. Ich habe freiberuflich gearbeitet, z.B. Messeoutfits entworfen, Weiterbildungen im Computerbereich gemacht und ein Jahr am Lette Verein Berlin, im Ausbildungsgang Modedesign, unterrichtet – eine gute Erfahrung. Und dann hat es sich ergeben, dass ich neben meiner freiberuflichen Tätigkeit angefangen habe, im Lehrauftrag an der da-maligen FHTW zu unterrichten. Nach mehreren Semestern als Lehrbeauftragte habe ich mich erfolgreich für eine Professorenstelle beworben und bin seit 1995 als Professorin an der HTW Berlin tätig.

Welche Voraussetzungen muß man mitbringen, um als Professorin für Modedesign berufen zu werden?
Skupin: Grundlage ist das Berliner Hochschulgesetz. Vier Kriterien sind zu erfüllen: ein Hochschuldiplom ist notwendig, umfangreiche, mindestens fünfjährige Praxiserfahrungen im Modedesign, auch Erfahrung in Industriefirmen. Man benötigt Lehrerfahrungen und als Äquivalent zur Habilitation, die z.B. für Professuren in technischen Fachrichtungen gefordert wird, ist eine außergewöhnliche künstlerisch gestalterische Begabung vorzuweisen, die Ausstellungen und Veröffentlichungen einschließt.
Ich konnte eigene Arbeiten (ich zeichne sehr gern) in Ausstellungen zeigen und u.a. in der Zeitschrift „Sibylle“ veröffentlichen. Ich beteiligte mich mit eigenen Kollektionen an Modenschauen und Wettbewerben, erhielt einen Förderpreis für „Gutes Design“.


Wie hat sich die Wende auf ihre Karriere ausgewirkt? (Brachte sie Probleme für Sie als ostdeutsche Modedesignerin mit sich? Mußten Sie sich anpassen, behaupten oder neu orientieren oder kamen ausschließlich neue Freiheiten hinzu?)
Skupin: Ich sehe die Wende grundsätzlich als positiv an. Die neue Freiheit brachte natürlich sehr viele Umstellungen und Herausforderungen mit sich, und davon sehr viele auf einmal, nicht alle lösten Be-geisterung aus. Aber man musste sich diesen Herausforderungen stellen und eine Neuorientierung in Angriff nehmen.

Da Mode international ist und Freiheit braucht, war dies ein großer Schritt nach vorn. Natürlich gab es auch in der DDR eine Modeszene und es gab auch Nieschen, in denen man sich sehr gut einrichten konnte. Aber heute ist die Internationalität aus der Mode überhaupt nicht mehr wegzudenken. Die Einflüsse sind global und deshalb ist der kulturelle Austausch und der weltweite Informationsfluss, z.B. über das Internet, enorm wichtig. Aber auch das Reisen, das direkte Wahrnehmen anderer Kulturen, anderer Metropolen, ist nach wie vor eine wichtige Inspiration. Die steigende Mobilität, internationale Arbeitsmöglichkeiten und die enormen technischen Entwicklungen bringen weitere Anregungen und Herausforderungen für die Mode und für jeden Einzelnen mit sich.

Sicher war die Schließung der Firma, bei der ich gearbeitet habe, nicht angenehm, aber mit Abstand be-trachtet, war es eine Herausforderung, der man sich stellen musste und die sich bei mir wirklich zum Posi-tiven gewendet hat.

Wie haben Sie in den Jahren an der HTW das Profil des Fachbereichs Mode mit geprägt? Gibt es bestimmte Projekte, die sie ins Leben gerufen haben?
Skupin: Das Projekt „Young Talents“, das ich in Kooperation mit dem Baumwoll- und Denimhersteller Hecking Deotexis Neuenkirchen entwickelt habe, hat vielen Studierenden einen Einblick in die Verarbeitung von Denim und die Bearbeitungstechnologien, u.a. die Enzymwäsche, gebracht. Ein umfangreiches Mate-rialsponsoring und die Präsentation der Kreationen auf der Münchner Stoff-Messe „Munich Fabric Start“ rundeten das Projekt ab.
Die Förderung von Studierenden anhand komplexer Projekte, die von der Ideenentwicklung bis zur Ausstellung auf Messen reichen, sind eine meiner Stärken. Ich denke, dieser Praxisbezug ist sehr wichtig und er setzt natürlich voraus, dass man selbst aktiv ist und die Kontakte zu Firmen sucht.

Ein weiteres erfolgreiches Projekt wurde mit dem Fraunhofer Institut Berlin, Bereich Mikroelektronik, zum Thema „Smart Clothes“ realisiert. Komponenten der Mikroelektronik wurden in die Kleidung integriert. Intelligente Produkte, wie z.B. eine mit verschiedenen Technikmodulen ausgestattete Jacke für einen Fahrradkurier, entstanden und fanden viel Anerkennung. Das sind zwei Projekte, die ich mit großer Intensität und sehr viel Herzblut betreut habe.

Aktuell gibt es im Zuge der Umstellung der Studienprogramme Überlegungen und erste Absprachen, mehr mit Hochschulen im Ausland zusammenzuarbeiten. Das sind Themen, die verstärkt im letzten Jahr fokussiert wurden, da die Internationalisierung der Ausbildung verstärkt werden muss. Und vielleicht wird es uns gelingen ein internationales Masterprogramm zu konzipieren und zu realisieren.

Der Studiengang Modedesign an der HTW bereitet Studenten auf eine Tätigkeit in der Industrie vor. In all den Jahren hier haben Sie sicher einige Karrieren von Absolventen mitverfolgt, auch solcher, die sich erfolgreich selbständig gemacht haben. Welche Voraussetzungen muß denn ein Student erfüllen, damit Sie ihm die spätere Selbständigkeit, beispielsweise in Berlin empfehlen würden?
Skupin: Er oder sie muß natürlich sehr belastbar und flexibel sein aber muß auch in der Lage sein, eine eigene Handschrift zu entwickeln. Das finde ich ganz wichtig, denn der Markt ist sehr groß. Es gibt sehr viele Designer und heute ist das Thema der Authentizität, der Unverwechselbarkeit besonders wichtig. Viele Kunden suchen nach sehr individuellen Produkten, was auch neue Wege ermöglicht, auf individuelle Wünsche einzugehen. Auch ist es sehr wichtig, daß man sich Partner sucht. Ich habe das auch immer wieder erlebt, wenn die wirtschaftliche Seite nicht funktioniert, ist auch das Unternehmen gefährdet. Ich denke da gibt es hier an der Hochschule eine gute Grundlage mit Fächern wie Existenzgründung oder Produktmanagement, es gibt auch den „Career Service“, der Studenten auch auf dem Weg in die Selbständigkeit begleitet. Aber es kann nur von Vorteil sein, wenn man einen Partner hat, der den wirtschaftlichen Bereich übernimmt. Vielleicht gibt es auch Allround-Talente, aber man muß auch als Designer die Wirtschaftlichkeit im Auge behalten. Marketing, Presse ist auch ein Punkt, der wichtig ist. Wenn man gutes Design macht, muß man auch gute Werbung für sich machen und das am Markt plazieren können.

Könnten Sie ein paar bekannte Namen nennen von Designern, die bei Ihnen studiert haben?
Skupin: Also ein ausgezeichnetes Designteam waren die vier Designerinnen von „Pulver“, die über lange Zeit sehr gute Kollektionen gemacht haben, jetzt leider die Firma aufgelöst haben. „Majako“ ist ein Label, das jetzt schon über viele Jahre am Markt präsent ist. Dann gab es auch Absolventen, die bei Vivien Westwood gearbeitet haben, bei Hussein Chalayan oder Alexander McQueen. Dann gibt es aber auch viele, die bei guten Firmen in Deutschland Jobs gefunden haben, u.a. bei Hugo Boss, Escada, Esprit, Tom Tailor. Michalsky. (Entschuldigung, dass ich jetzt keine Namen der Studierenden genannt habe)
Um doch einen Namen zu nennen: Sam Frenzel präsentierte gerade jetzt, im Januar 2010, sehr erfolgreich seine erste eigene Kollektion auf der MB Fashion Week Berlin, gefördert durch Peek & Cloppenburg. Er war der Gewinner des P & C Nachwuchsawards „DESIGNER for TOMORROW“ im Juli 2009.

Haben Sie abschließend noch einen Tipp für die Studenten, wie sie besonders gut durchs Studium kommen, insbesondere nach dem Bologna-Prozess?
Skupin: (lacht) Die Umstellung auf Bachelor und Master ist auch für uns eine Herausforderung und wir haben das Bachelorprogramm inzwischen auch schon einmal überarbeitet, um es besser studierbar zu machen.
Ich denke, von Vorteil sind ein gutes Zeitmanagement und eine gute Selbstorganisation, (was viell. auch kreative Prozesse einengen kann). Aber im späteren Job in der Modebranche ist gerade die zeitliche Begrenzung immer vorhanden. Ein effizienter Umgang mit Zeit und strukturiert arbeiten zu können, sind sehr hilfreich. Gute handwerkliche Kenntnisse und Sensibilität für Inspirationen und Gespür für den berühmten Zeitgeist, und für das, was Menschen wirklich brauchen, sind ebenso wichtig. Während des Studiums sollte jeder herausfinden, wo seine Stärken liegen und was ihm Spaß macht. Ich hoffe, die breitgefächerte Ausbildung an der HTW Berlin ermöglicht es, das herauszufinden. Da auch in der Modebranche heute vielfältige Arbeitsmöglichkeiten bestehen, gibt das auch Hoffnung, den richtigen Job zu finden.

Vielen Dank, daß Sie sich die Zeit genommen haben!
Skupin: Gerne!

und wir wünschen Ihnen weiterhin viele angenehme Studenten!

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